Was ist eigentlich Achtsamkeit?
 

Achtsamkeit ist zunächst nur ein deutsches Wort. Zur Zeit hört und liest man es überall, es ist so sehr zu einem Modewort geworden, dass es in verschiedensten Kontexten beliebig benutzt wird, meist ohne dass es näher definiert wird. Die einen meinen Sorgfalt, die anderen Aufmerksamkeit, vielleicht Vorsicht oder ein gutes Gedächtnis (…“da war ich aber unachtsam, dass ich den Schlüssel vergessen habe..“) Das ist sehr schade, denn es führt zu einer um sich greifenden Verwirrung und vielen Missverständnissen.

Achtsamkeit im MBSR / MBCT-Kontext ist ein einzigartiger Geisteszustand und zugleich eine geistige Tätigkeit, der/die aber nicht leicht zu beschreiben ist. Das liegt daran, dass wir ihm/ihr normalerweise keine große Bedeutung beimessen. Wir wollen vielleicht glücklich, erfolgreich oder gesund sein, oder wir wollen vielleicht Angst, Sorgen, Schmerzen oder Selbstzweifel loswerden, aber achtsam zu sein klingt meist nicht besonders attraktiv.


Achtsamkeit ist für mich die Fähigkeit des Menschen, die (freundliche!!) Aufmerksamkeit absichtlich auf die eigenen Erfahrungen zu lenken, die er von Moment zu Moment erlebt, und diese bewusst wahrzunehmen. Es ist z.B. zu wissen, dass Sie gerade atmen und dabei diesen Text lesen, dies oder jenes denken, sich so oder so fühlen oder vielleicht etwas in Ihrem Körper spüren. Diese Fähigkeit kann man lernen und trainieren. Es ist die beobachtende Kraft in uns, das offene und nicht-wertende Gewahrsein all dessen, was gerade da ist, sei es angenehm oder unangenehm. Das Training von Achtsamkeit hat weitreichende Auswirkungen auf die Haltung sich selbst und dem Leben gegenüber.

Was hat Achtsamkeit mit Stressbewältigung zu tun?

Stress kann durch die unterschiedlichsten inneren und äußeren Ereignisse ausgelöst werden. Unser Organismus setzt bei Stress eine Reaktionskette in Gang, die uns auf Kampf oder Flucht vorbereitet. Hält der Stress längere Zeit an, hat das u.a. zur Folge, dass das Immunsystem geschwächt wird, die Vitalität sinkt und ein Teufelskreis einsetzt, der zu noch mehr Symptomen und Anfälligkeiten für Krankheiten führt. Dieser Teufelskreis wird noch dadurch verstärkt, dass man dazu neigt, innerlich gegen den Stress anzukämpfen.

Durch die Anwendung der Achtsamkeit auch in Situationen, die mit Stress, Schmerz und unangenehmen Gefühlen verbunden sind, hört der Geist auf, automatisch gegen alle Unannehmlichkeiten anzukämpfen, wird ruhiger und gelassener und gewinnt eine neue Perspektive. Wir nehmen dann nicht nur die Dinge wahr, die schwierig und schmerzhaft sind, sondern auch die, die in Ordnung sind, und stellen sogar fest, dass dieser Teil meistens der größere ist. Durch das Gewahrsein der eigenen Lebendigkeit von Moment zu Moment haben wir die Chance, unser Leben auch im Angesicht von schwierigen Situationen harmonischer und erfüllter zu gestalten.

Achtsamkeit ist kein "positives Denken". Sie blendet keine unangenehmen Erfahrungen aus und ist nicht auf der Suche nach angenehmen. Sie nimmt einfach die Dinge wahr, wie sie sind, und bringt uns in die Lage, uns unter allen Umständen selbst an die Hand zu nehmen, aktiv das Beste aus unserem Leben zu machen und sowohl zu unserer eigenen Gesundheit als auch zum Wohlergehen der Anderen beizutragen.